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Der Laden läuft bei Marcello Danieli. 2023 hat sein Unternehmen 15 Millionen Euro umgesetzt – Rekord. Harder Logistics organisiert und erledigt, wie der Name andeutet, Umzüge. Allerdings in der Hauptsache nicht den herkömmlichen Haushaltsumzug. Danielis Firma verlagert mit inzwischen 165 Mitarbeitern Unternehmen teilweise oder komplett – aktuell vorrangig ins Ausland. Damit ist er hautnah dran an einem Trend, der Deutschlands Wirtschaft prägt: der Deindustrialisierung.
Seit Jahren sinken die Direktinvestitionen in den Standort, Unternehmen verlagern in Scharen ihre Wirkungsstätte. Das Ifo-Institut konstatierte am Mittwoch in einer „besorgniserregenden“ Analyse, Deutschland gehöre „zu den Schlusslichtern bei der Entwicklung der Wettbewerbsposition“, und warnte vor einer „großflächigen Abwanderung der industriellen Produktion aus Deutschland“. WELT sprach mit Danieli, dessen Vater einst als Gastarbeiter aus Italien nach Deutschland kam.
WELT: Herr Danieli, Sie fühlen Unternehmen den Puls, die das Land verlassen. Wie ist Ihre Diagnose?
Marcello Danieli: Die Lage ist ernst. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren gut 300 Unternehmensumzüge durchgeführt, und natürlich kommen während der Vorbereitung immer auch die Gründe zur Sprache, die dazu führen, dass Unternehmen das Land verlassen. Es fallen, in dieser Reihenfolge, immer dieselben Stichworte: Bürokratie, die zweithöchste Steuerlast innerhalb der OECD nach Belgien, die höchsten Energiekosten weltweit, der Fachkräftemangel. Neuerdings spielt offenbar auch das Thema Energiesicherheit eine wachsende Rolle.
WELT: Wohin zieht es denn die Unternehmen?
Danieli: Sehr viele gehen in den Osten, nach Tschechien, Ungarn, Polen, Bulgarien, deshalb haben wir auch eine Filiale in Plovdiv aufgemacht. Zur Attraktivität beigetragen haben EU-Subventionen, zudem sind die Arbeitskräfte dort im internationalen Vergleich günstig. Inzwischen werden aber auch China, Indien, die USA, Mexiko oder Costa Rica beliebter.
WELT: Muss der Leidensdruck nicht enorm sein, um ein Land mit stabilen Rahmenbedingungen wie Deutschland gegen Costa Rica oder Indien einzutauschen?
Danieli: Der Ruf der vermeintlich guten deutschen Rahmenbedingungen deckt sich leider nicht mehr mit der Realität. Nehmen Sie das Beispiel Bürokratie. Wir haben einen Maschinenbauer ins italienische Aostatal umgezogen, der zuvor in Deutschland mehr als vier Jahre vergeblich auf eine Baugenehmigung für ein gekauftes Grundstück gewartet hat. Immer wurde die Geschäftsführung unter Verweis auf fehlende Gutachten hingehalten. Da das Unternehmen schon ein Schwesterunternehmen in Italien hatte, haben die kurzerhand den Bürgermeister vor Ort gefragt, ob sie dort neu bauen dürften. Sieben Wochen später haben sie mit dem Neubau begonnen.
WELT: Aber die Regierung hat doch etwas getan. Das Bürokratieentlastungsgesetz soll die deutsche Wirtschaft um 944 Millionen Euro entlasten.
Danieli: Das klingt nach viel, tatsächlich sind die Maßnahmen ein Tropfen auf den heißen Stein. Zugleich werden ständig neue Stellen im öffentlichen Dienst geschaffen, 90.000 allein zwischen 2020 und Mitte 2023. Und in Behörden und Ämtern bedeutet Stellenzuwachs automatisch mehr Bürokratie, mehr Vorschriften, mehr Bestimmungen.
WELT: Argentinien mit Javier Milei und die USA, wo Elon Musk eine eigene Kommission für Regierungseffizienz gründet, gehen das Thema etwas radikaler an …
Danieli: Ich muss dazu vorab eines klar sagen: Ich bin ein völlig unpolitischer Mensch. Aber in der Sache ist es der richtige Ansatz, Behördenapparate knallhart auf Effizienz zu prüfen und dann je nach Ergebnis konsequent zu handeln. Übrigens ist da auch Griechenland auf einem guten Weg, auf das Deutschland lange verächtlich herabgeschaut hat. Das Land ist jetzt zur Sechs-Tage-Woche zurückgekehrt und hat binnen weniger Jahre viele behördliche Prozesse komplett digitalisiert. Unserer deutschen überbordenden Verwaltung scheint die volkswirtschaftliche Basis dagegen gleichgültig zu sein.
WELT: Woran machen Sie das fest?
Danieli: Wenn ein Unternehmen einen Standort schließt und verlagert, gehen jedes Mal Jobs vor Ort verloren. ZF zum Beispiel schließt von 35 Werken in Deutschland zwölf und investiert zugleich 800 Millionen Euro in den USA. Da bewegt sich kein Oberbürgermeister, kein Wirtschaftsbeauftragter, kein Landrat, kein Abgeordneter aus Bundes- oder Landtag. Niemand fragt bei den Unternehmen nach, was sie bräuchten, was man tun müsste, damit sie die Entscheidung revidieren und bleiben. Dabei sind die Unternehmen ja kompromissbereit, jeder versucht, für sich eine Lösung zu finden, ehe er sagt, ich gehe von hier weg. Es kommt aber nur ein kollektives Schulterzucken, es interessiert niemanden.
WELT: Das ist anderswo nicht so?
Danieli: Jedes Land ist attraktiver als Deutschland. Ein weiteres Beispiel aus der Praxis: Wir haben einen Unternehmensumzug in die USA abgewickelt. Das Unternehmen konnte aus 60 Städten und Gemeinden wählen, wo es sich ansiedeln wollte. Die Entscheidung fiel auf einen Standort 30 Kilometer von Chicago entfernt. Dort gibt es jetzt drei Jahre Steuerfreiheit, drei Jahre Befreiung vom Arbeitgeberanteil an der Lohnsteuer und drei Jahre gratis Energie. Das ist eine Willkommenskultur, die es hier längst nicht mehr gibt.
WELT: Was müsste sich verändern, um den Negativtrend umzukehren oder wenigstens zu stoppen?
Danieli: Es muss ein gesellschaftliches Umdenken her. Schätzen Sie mal, welches Land laut OECD bei den geleisteten Arbeitsstunden unter 46 Staaten auf dem letzten Platz liegt ...
WELT: ... bitte nicht Deutschland.
Danieli: Genau. Vorn liegen Kolumbien, Mexiko und Costa Rica. Unser Fokus auf Work-Life-Balance oder Vier-Tage-Woche ist eine gefährliche Illusion. Jeder müsste bei sich anfangen und bereit sein, mehr zu leisten. Eine halbe Stunde dem Staat schenken, das würde schon viel bringen. Aber dazu ist hier niemand mehr bereit.
WELT: Nun ja, es gibt in Deutschland 1,3 Millionen offene Stellen, zugleich wirbt die Bundesagentur für Arbeit auf ihrer Website: „Informieren Sie sich, wie Sie Ihren Lebensunterhalt mit Bürgergeld sichern.“ Wer von jenen, die bereits erwerbstätig sind, sollte da mehr leisten wollen?Danieli: Völlig richtig, hier hat die Politik falsche Anreize gesetzt und muss dringend umsteuern. Es kann nicht sein, dass beispielsweise ein Ehepaar mit zwei Kindern, das von Teil- in Vollzeit wechselt und von 3000 Euro auf 5000 Euro brutto springt, am Ende durch den Wegfall von Sozialtransfers sowie höhere Steuern und Abgaben nur 32 Euro mehr hat. Auch beim Fachkräftemangel muss die Politik umsteuern. Wir müssen Flüchtlinge der deutschen Sprache mächtig machen und sie sofort integrieren, auch wenn sie später vielleicht nicht bleiben dürfen. Wir brauchen diese Arbeitskräfte. Ich könnte sofort drei Leute für Tätigkeiten einstellen, die einfach von keinem Dienstleister mehr angeboten werden und die mir auch sonst niemand erledigt. Es gibt genügend internationale Vorbilder, an denen wir uns orientieren können.
WELT: Glauben Sie, dass eine neue Regierung diese Probleme angehen wird?
Danieli: Wir sind in einer Situation, in der auch eine starke CDU kaum um die SPD oder die Grünen als Koalitionspartner herumkommen wird ...
WELT: ... mit dem weitgehend identischen Personal.
Danieli: Exakt das ist das Problem, das mich wenig zuversichtlich stimmt. Da ist zu viel Ideologie und zu wenig Fachwissen am Werk. Schauen Sie: Ich würde mir doch nicht anmaßen, Ihren Job zu machen. Und ich wäre andersherum auch gespannt, wie Sie eine größere Betriebsverlagerung organisieren würden. Die Menschen, die dieses Land führen wollen, brauchen Expertise, sie müssten mal drei, vier Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet haben, erfahren haben, was es bedeutet, eine Familie zu ernähren. Davon gibt es im Bundestag zu wenige.