Fazit Mammutmarsch NRW 2024: Auf jeden Fall mein Endgegner
Ich schreibe hier mal meine Gedanken auf, die ich mir bisher zum Event gestern machen konnte. Ist alles noch recht frisch und vielleicht ungeordnet. Fragt dann einfach gern, wenn euch ein Aspekt interessiert oder etwas unklar bleibt.
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Kurz vor dem Start:
Die Anreise zum Event war kurz und unkompliziert, da der Start nur 20 Fahrminuten von meiner Haustür im Essener Gruga Park entfernt war. Natürlich war bei dem Wetter im Park und angrenzenden Freibad jede Menge los, aber ich fand recht schnell einen Parkplatz und machte mich auf den Weg zur Start Area. Dort angekommen bekam man sein Shirt und ein Bändchen, das die Startgruppe auswies. Da ich noch etwas Zeit hatte, legte ich mich in den Schatten und versorgte mich nochmal schnell mit einem Gel und einer Banane.
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Kilometer 1-10: Mit Tempo durch die Wandersteige an der Ruhr
Es ging um Punkt 13 Uhr auf die Strecke und es gelang mir gut Meter zu machen. Die Sonne stand auf ihrem Zenit, was mir allerdings noch nicht viel ausmachte. Ich bemühte mich, etwas von der großen Gruppe loszukommen, um nicht im riesigen Pulk marschieren zu müssen. Das funktionierte auch wunderbar, bis wir aus der Großstadt herauskamen und von den ersten grünen Hügeln Richtung Baldeneysee verschluckt wurden. Dort ging es bereits gut auf und ab. Die Höhenmeter waren keinesfalls so außergewöhnlich, aber das stetige Auf- und Absteigen zerrte bei dem Wetter schon an den Kräften. Ich etablierte eine niedrige 9ner Pace und kam gut voran. Nach Kilometer 6 schloss ich mich einer kleinen Gruppe an Marathonläufern an und die Zeit verging schnell mit Fachsimpeln und netten Gesprächen. Die Jungs zogen meine Pace dann nochmal etwas an. Allein wäre ichwahrscheinlich etwas langsamer gegangen. Nach 10 km kam der erste Versorgungspunkt, an dem neben sauren Gurken und Bananen vor allem Wasser und Riegel angeboten wurden. Ich füllte die Vorräte auf und zog ohne Pause weiter.
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Kilometer 10-20: Es wird hügelig
Ab Kilometer 15 begannen dann die steileren Etappen der Strecke. Der Ausblick war wirklich schön, allerdings konnte ich das nicht wirklich genießen, da die Hitze und das Schwitzen mir schon gut Körner aus dem Körper zogen. Ich habe versucht mit viel Wasser, Iso und Hydrogels zu kontern, konnte den immensen Schweißverlust allerdings nicht wirklich auffangen. Das Tempo war weiterhin knackig und ich wirklich froh, als ich in meiner Gruppe den ersten richtigen Verpflegungspunkt bei Kilometer 21 erreichte. Dieser war auf einem Burgberg, den man zunächst erklimmen musste. Dort war ein kleines Buffet mit Kuchen und Sandwiches angerichtet. Ich gab mir 10 Minuten Pause zum Auffüllen der Vorräte und Essen, bevor es wieder losging.
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Kilometer 20-40: Das Leiden beginnt
Weiter ging es durch das hügelige Umland zwischen Velbert und Wuppertal. Es ist schon erstaunlich, wie abgelegen dort einige Häuser und kleine Siedlungen sind. Zwei, drei Häuschen und sonst kilometerweit nichts. Einerseits schön idyllisch, andererseits wirklich ab von allem. Das Tempo meiner "Marathon"-Gruppe zog weiter an. Ich merkte bereits, dass ich die Geschwindigkeit mit meinem angeschlagenen Knöchel nicht über 12-14 weitere Stunden durchziehen könnte. Bei Anstiegen holte ich immer gut auf, bei flachen Passagen klafften immer größere Lücken zwischen mir und der um weitere Wanderer angewachsenen Gruppe. 5 Kilometer vor dem nächsten Verpflegungspunkt bei Kilometer 41 musste ich den heißen Bedingungen Tribut zollen und etwas abreißen lassen. Hier sehe ich einen meiner größten Fehler. Aus Geselligkeit heraus habe ich mich an die Gruppe gekettet und nicht ausreichend Zeit bzw. kleine Pausen für mehr Verpflegung gelassen. Ich hätte alle 10 Kilometer kurz anhalten und mit mehr Iso-Tabletten bzw. Gels nachlegen müssen. Das habe ich hier leider verpennt und später dafür gebüßt. Ich erreichte dann allein den Verpflegungspunkt, wo Eintopf und andere kleine Snacks warteten. Hier fühlte ich mich bereits gut angeschlagen und gönnte mir 30 Minuten Pause. Langsam ging die Sonne unter und die Wolken zogen sich immer mehr zu und verdunkelten sich ...
Kilometer 41-60: Der Kampf gegen sich selbst
Ich zog dann allein auf die nächste Etappe. Die Verpflegungspunkte waren meist in 20 km Abstand aufgebaut, was heißt, dass man ca. 4-5 Stunden Marsch hatte. Diese gingen auf den ersten Streckenabschnitten relativ schnell vorbei. Angeschlagen und mit abnehmendem Tempo zogen sich die Stunden unglaublich. Um ca. 22.30 kam ich gerade aus einem Waldstück oberhalb Wuppertals, als der rabenschwarze Himmel ein unheimliches Donners losließ. Eigentlich war das Gewitter für den nächsten Tag gegen Mittag vorausgesagt, jetzt brach allerdings ein heftiges Unwetter mit Donner, Blitz und Platzregen über uns herein. Dies ging locker 90 Minuten ohne Pause so. Viele stellten sich unter und warteten einfach ab, ich wusste aber genau, dass ich bei einer längeren Pause nicht wieder hochkommen würde. Durch das massive Schwitzen und die Reibung Rucksack/Rücken entstanden bei mir kleine Hautrisse und Wunden, wogegen selbst die Vaseline keine Abhilfe schaffen könnte. Bei jedem Schritt schnitt es unheimlich schmerzend in den unteren Rücken. Ich hatte kurz vorher mein Shirt extra deshalb gewechselt, nur um jetzt wieder komplett durchnässt zu werden. Ich hatte einen Regenponcho dabei und trug ihn auch direkt nach Einbruch des Unwetters. Allerdings war der Regen so heftig, dass das Wasser trotzdem durch alle Schichten zog. Sowas habe ich wirklich noch nicht erlebt, die Blitze kamen immer näher und ich war froh, nicht wie einige im Waldstück oder auf offenem Feld festzustecken. Natürlich wurden auch meine Schuhe und Socken komplett durchnässt. Zuvor hatte ich neben dem anschwellenden Knöchel keinerlei Probleme mit Blasen oder der Haut am Fuß. Jetzt weichte die Haut auf und es bildeten sich natürlich Druckstellen, die ich aber noch nicht wirklich spürte, da ich ganz andere Baustellen hatte. Nachdem ich Wuppertal wieder verlassen hatte, kam ich auf Waldpfade und offenes Feld zurück, wo sich die Wege quasi ausgelöst oder in Matsch verwandelt hatten. Ich sank mit jedem Schritt tiefer ein und kam dementsprechend langsamer voran. Bei Kilometer 50 kam ein heftiges Pochen in meinem rechten Knöchel auf, was mich kurz anhalten und den Schaden begutachten ließ. Die Schwellung war ziemlich angewachsen und die Schmerzen kamen vor allem bei unebenen oder schlammigen Abschnitten auf, da der Knöchel hier Spiel hatte und immer wieder leicht umknickte. Mir wurde bewusst, dass ich in diesem Zustand niemals 40 bzw. 50 Kilometer schaffen würde. Bis Kilometer 70-75 hätte ich mir unter absolutem Leiden noch zugetraut, aber danach wäre ich mitten in den Nacht im absoluten Nichts gefangen. Meine letzte Aufstiegsmöglichkeit war um 02:14 Uhr die S-Bahn von Velbert nach Essen Hbf. Schweren Herzens habe ich mich dann dafür entschieden auszusteigen. Humpelnd bewegte ich mich Richtung Bahnhof und wurde von vielen überholt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich allerdings schon abgeschlossen und mir war alles egal. Mit der Bahn lief dann alles gut. Im Abteil traf ich noch viele weitere Wanderer, die die letzte Ausstiegsmöglichkeit gezogen hatten. Um 4 Uhr war ich dann auch endlich wieder daheim.
Abschließende Worte:
Gerade zieht mich nichts mehr zum Endgegner zurück. Es war eine unglaubliche Erfahrung, die mir klar meine Grenzen aufgezeigt hat. 100 km bei diesen Bedingungen gingen in diesem Moment einfach nicht - egal wie ich mich abgestrampelt hätte. Der Ausstieg war die vernünftige Option. Ich werde mich auf das Laufen konzentrieren und Ende August einen 55 km Marsch absolvieren. Natürlich wäre es reizvoll, die 100 dann doch irgendwann mal zu knacken. Ich weiß aber andererseits auch nicht, ob ich mir diese Tortur nochmal antun möchte.