Die Deutschen müssen zur Not zum Wehrdienst gezwungen werden
Nie waren die Menschen in Europa so frei und noch nie waren sie so wenig bereit, diese Freiheit zu verteidigen. Das ist paradox und sehr gefährlich. Deshalb ist die Wehrpflicht unabdingbar. Die Bürger Deutschlands müssen für ihr Land wieder persönlich einstehen.
Die Menschen in Europa sind heute so frei wie nie – und zugleich so unwillig wie nie, diese Freiheit zu verteidigen. Laut einer Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup aus dem Jahr 2024 wäre deutlich weniger als die Hälfte der Europäer bereit, für ihr Land zu den Waffen zu greifen.
Frieden und Wohlstand sind ein grosses Glück. Doch sie haben die westlichen Gesellschaften risikoscheu, passiv, träge und bequem gemacht. Der Schweizer Think-Tank Avenir Suisse kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Wohlstand die Risikoakzeptanz senke.
Das ist einerseits nicht verwunderlich, denn es gab lange keine existenzielle Bedrohung mehr. Andererseits ist es aber auch paradox und gefährlich. Wer Freiheit als Selbstverständlichkeit betrachtet, wird sie verlieren.
So gesehen wirkt die gegenwärtige deutsche Debatte über die Wehrpflicht wie ein politischer Seismograf. Unter dem Druck der Linken in der SPD setzt Verteidigungsminister Boris Pistorius auf Freiwilligkeit statt Zwang, während die Unionsparteien CDU und CSU die klassische Wehrpflicht zurückwollen.
Das ist an sich inkonsequent. Als die Union vor vierzehn Jahren die Wehrpflicht faktisch abschaffte, war die SPD dagegen. Heute ist es umgekehrt. Die Union begründet die Rückkehr zum Pflichtdienst mit den neuen Zusagen Deutschlands in der Nato. Sie sorgen dafür, dass die Bundeswehr mehr Soldaten braucht.
Mit Zwang zur Verteidigung der Freiheit
Doch das ist lediglich eine technische Begründung für die Wehrpflicht. Es gibt noch eine andere. Sie lautet: Wenn wie derzeit zu wenige junge Deutsche willens sind, ihre Freiheit zu verteidigen, müssen sie im Extremfall eben dazu gezwungen werden. Sie haben sich in den letzten dreissig Jahren daran gewöhnen können, dass sicherheitspolitische Probleme weitgehend von aussen gelöst werden. Diese Anspruchshaltung, gepaart mit einem ausgeprägten Hang zur individuellen Selbstverwirklichung, hat sich überlebt.
Dabei wäre es zu einfach, die Deutschen pauschal als wehrunwillig zu beschreiben. Umfragen etwa des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr zeigen, dass im Ernstfall gut die Hälfte der jungen Männer zwischen 16 und 29 Jahren zur Waffe greifen würde. Andere Studien kommen auf deutlich weniger, während zugleich eine klare
Mehrheit der Deutschen für eine Wehrpflicht ist.
Das ist durchaus bemerkenswert. Zwei Weltkriege haben Deutschland zu einem pazifistischen Land gemacht, das lange Zeit nahezu allem Militärischen misstraute. Für die Sicherheit sorgten andere, vor allem die von vielen Deutschen verachteten USA.
Erst der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 und die Drohungen von Wladimir Putin gegen den Westen führten zu einem Umdenken. Das reicht allerdings erst einmal nur bis zum Geldbeutel. Die Bundeswehr soll nun zumindest wieder so ausgerüstet werden, dass sie das Land verteidigen kann. Ein Fortschritt, aber das reicht nicht.
Die eigene Geschichte in den Knochen
Denn ohne Soldaten nützen die besten Waffen nichts. Die Wehrunlust vieler Deutscher hat sicher auch mit der Geschichte zu tun. Sie steckt den Deutschen noch immer in den Knochen, und zwar nicht nur die beiden Weltkriege.
Den Bundeswehreinsatz in Afghanistan verklärten die Politiker zwanzig Jahre lang als «Stabilisierung», obwohl er schon bald ein Krieg war und in einem Desaster endete. Jahr für Jahr verlängerten Regierung und Bundestag die Mission – ohne erkennbaren Plan. Für viele Bürger war das der Beweis, dass Politiker beim Einsatz von Militär im Zweifel die Realität ignorieren.
Doch inzwischen kennt eine ganze Generation in Deutschland das Militär nicht mehr aus eigenem Erleben. Jahrzehntelang wurde die Bundeswehr als Fremdkörper wahrgenommen – als Kostenfaktor, Problemfall, Krisenherd. In weiten Teilen der Gesellschaft existiert eine reflexhafte Distanz, gespeist aus historischem Misstrauen und Unkenntnis des modernen Soldatenberufs.
Diese Entfremdung muss aufhören. Die Truppe muss wieder mitten in die Gesellschaft rücken: sichtbar in Schulen, präsent bei öffentlichen Veranstaltungen, offen im Dialog. Wer sie kennenlernt, wird Vertrauen fassen. Wer Vertrauen hat, akzeptiert auch Pflichtdienste. Nur wenn die Bundeswehr wieder als selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens wahrgenommen wird, kann ein neues Verständnis von Wehrhaftigkeit entstehen.
Die Freiheit ist bedroht wie nie
Das wäre für Deutschlands Sicherheit existenziell. Nie seit dem Ende des Kalten Krieges war die Freiheit des Landes so bedroht wie heute. Russland führt Krieg in Europa – offen, brutal, ohne jede Rücksicht, direkt unterstützt von China, Nordkorea und Iran. Putin bedroht den Westen und damit auch Deutschland mit Cyberangriffen, Sabotage, Propaganda und einer Armee, die in der Ukraine Städte in Schutt legt, Menschen deportiert und Land raubt.
Für die Ukrainer ist die Frage, ob sie kämpfen, keine abstrakte, sondern eine existenzielle. Ohne Widerstand gibt es für sie keine Freiheit mehr. Für die Deutschen gilt das Gleiche, nur tun viele von ihnen so, als sei das allenfalls theoretisch.
Wer die Wehrpflicht fordert, gilt schnell als Kriegstreiber. Wer sie ablehnt, muss sich kaum rechtfertigen. Bücher wie «Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde» eines 27-jährigen Podcasters namens Ole Nymoen werden medienwirksam als Beitrag gegen die «Aufrüstung» beschrieben. Der Deutschlandfunk etwa sieht in dem Buch ein Gegengewicht zum «aktuellen Aufrüstungsdiskurs».
Ein Geschenk für Putin und Xi
Für Autokraten wie Putin oder Xi Jinping sind Haltungen wie diese ein Geschenk. Demokratien, deren Bürger den Kampf verweigern, sind erpressbar. Wer davon ausgeht, dass der Gegner nicht kämpfen will, kann seine strategischen Ziele erreichen, ohne zu schiessen.
Klar, es gibt die Nato. Dahinter konnte sich Deutschland die letzten 35 Jahre gut verstecken. Doch Bündnisse beruhen auf Gegenseitigkeit. Wer ständig mehr nimmt als gibt, verliert Einfluss, Glaubwürdigkeit – und Schutz. Andere werden nicht für uns kämpfen, wenn wir nicht bereit sind, für sie zu kämpfen.
Krieg ist die Hölle, immer. Mit Blick auf das Geschehen in der Ukraine hat jeder recht, der sich ihm entziehen will. Doch bei der Frage, ob die Deutschen bereit sind, ihr Land zu verteidigen, geht es nicht primär um Krieg. Im Gegenteil: Es geht darum, den Krieg zu verhindern.
Deutschland braucht Soldaten, um Russland und seine Verbündeten davon abzuhalten, den Westen anzugreifen. Sie dienen als Abschreckung, nicht als Kanonenfutter, wie es einst der Fall war. Eine Wehrpflicht heute hätte nichts mehr mit dem Irrsinn von 1939 bis 1945 zu tun.
Die Wehrmacht – im Irrglauben bis zum Untergang
17 Millionen Deutsche kämpften damals in der Wehrmacht – meist als Wehrpflichtige, unter hohen Verlusten. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel beschreibt die Wehrmacht als Organisation, getragen von Kohäsion, Effizienz und Pflichtgefühl. Die Soldaten kämpften für das, was sie für Vaterlandsverteidigung hielten. Ein fataler Irrglaube, der dennoch bis zum Untergang trug.
Hurra-Patriotismus? Den haben die Deutschen verständlicherweise abgelegt. Aber das hilft nicht, wenn der Gegner den Tod fürs Vaterland verherrlicht – und damit Massen mobilisiert, siehe Russland. Dort enden Heldengeschichten oft mit dem Tod des Protagonisten, wofür es sogar einen Begriff gibt: «Russian ending». Ein Beispiel dafür ist der Kriegsfilm «Wenn die Kraniche ziehen» von Michail Kalatosow aus dem Jahr 1957. Westliche Filme inszenieren dagegen fast immer den überlebenden Helden.
Das ist nicht nur Hollywood-Dramaturgie, es ist eine kulturelle Haltung. In Russland lernen Kinder heute wieder, dass Sterben für die Nation heroisch ist. Hunderttausende Soldaten sind in der Ukraine gefallen. Trotzdem stürmen immer neue Wellen nach – manchmal mit mehr als tausend Verlusten am Tag.
Am Ende führt es zu Unterwerfung
Ein Volk, das nicht bereit ist, sich zu verteidigen, gibt seine Souveränität auf. Es wird abhängig vom Schutz anderer – und damit auch von deren Bedingungen. Wer die Unversehrtheit des Einzelnen absolut setzt, muss wissen: Am Ende führt das zu Unterwerfung.
Um das zu verhindern, braucht es in Deutschland kein Kaiserreichs-Pathos, keine Dichter und Denker an der Front. Aber ein paar bekannte Politiker, Künstler, Schauspieler, Musiker, die öffentlich für Wehrhaftigkeit eintreten, würden helfen. Die kulturellen Eliten dieses Landes müssen begreifen: Ihre Freiheit zur Kritik und zur Kunst hängt davon ab, dass dieses Land wehrhaft ist.
Das gilt für alle Bürger. Wer seine Freiheit erhalten will, muss bereit sein, für sie zu kämpfen. Pazifismus hat in Putins Welt keinen Wert.
Ich sehe das wir im Artikel beschrieben, man wird da auf lange Sicht nicht drumherum kommen