Sonntag, 14. April 2024: Das Debüt - abgerechnet wird im Marathon immer ab Kilometer 35!
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Das Vorgeplänkel:
Besser hätte die Vorbereitung gar nicht verlaufen können. Gut ausgeschlafen stand ich um 7 Uhr im Hotel unweit der Innenstadt auf und spulte meine Wettkampf-Prep herunter. Zum Glück bot das Standardzimmer eine kleine Kaffeemaschine - das System zu leeren, sollte für jeden Läufer immer die Priorität schlechthin darstellen. Die Speicher wurden im Anschluss mit zwei Bagel und Marmeladenaufstrich gefüllt, bevor es zum Check-Out und Richtung Startlinie ging. Die U-Bahn war bereits mit anderen Läufern gefüllt, sodass man recht leicht die Orientierung behalten konnte und einfach der Masse folgen musste. Da vor dem Marathon-Start um 10.30 Uhr bereits die Halbmarathonis auf die Strecke durften, war rund um den Startbereich schon ordentlich Action. Nach dem letzten Toilettengang und dem Umstieg auf die Carbon-Schuhe ging es für mich dann in meinen Startblock. Das Wetter an diesem Tag wäre unter normalen Umständen der Hammer gewesen - 18/19 Grad und Sonne pur. Hatte aufgrund der Vorhersage mit deutlich kühleren Temperaturen und Bewölkung gerechnet. Stattdessen begrüßten einen Sonne pur und ein klarer Himmel. Die Verpflegung war dementsprechend noch wichtiger als ohnehin.
Kilometer 1-10: Es läuft!
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Ich war im zweiten Startblock hinter den schnellsten Läufern einsortiert. Die beiden ersten Blöcke wurden jedoch von einem weiteren Startblock bestehend aus den Schulstaffeln getrennt. Das hieß konkret für mich, dass ich die schnellsten Gruppen nie zu Gesicht bekommen sollte und wir somit einen ganz eigenen Startschuss/Startzeit hatten. Der Gedanke, dass ich gleich über 42 Kilometer laufen werde, ohne vorher eine auch nur ansatzweise vergleichbare Distanz absolviert zu haben, brachte mich in diesem Moment schon ins Grübeln. Um 10:39 Uhr ging es dann auf die Strecke. Meine Startgruppe nahm die ersten Kurven durch die Bonner Innenstadt, was nicht viel Platz zum Überholen ließ. Dementsprechend langsam fiel der erste Kilometer mit 5.29 aus. Nach der Brücke über den Rhein fächerte sich das Feld langsam auf und ich konnte Geschwindigkeit aufnehmen. Das Ziel war es eigentlich konstant 5.20-5.25 Pace zu halten. Ich entschied mich allerdings dazu, meine Herzfrequenz im Blick zu behalten und es im Spielraum 150-160 bpm einfach laufen zu lassen. Die Kilometer fühlten sich richtig gut und voll unter meiner Kontrolle an. Es war, als ob ich mit dem Auto bergab rolle und mit dem Fuß immer wieder auf die Bremse tippe. Von 5.20 entwickelte sich die Pace Richtung 4.55-5.00. Zunächst orientierte ich mich an anderen Läufern vor mir. Nach einer Zeit blieb ich vollends in meinem Rhythmus und registrierte niemanden mehr um mich herum. Zunehmend lief ich auch allein. Der schnellere Block vor mir war unerreichbar und von hinten kam niemand nach. Auf dem Weg überholte ich Stück für Stück Läufer, die eine langsamere Pace einlegen mussten.
Kilometer 11-21: Unstoppable
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Die Stimmung in Bonn bei dem Wetter war einfach genial! Vor allem im Zentrum standen überall Gruppen an Zuschauern, die einen lauthals anfeuerten. Die Strecke führte einen durch die Stadtmitte, über die Brücke an den Rhein, wo man dann zunächst an der Promenade entlang einen Park ansteuerte. Zwei lange Geraden waren Schlüsselstellen, die man vor allem psychologisch überwinden musste. Ich war aber voll in meiner Welt und ließ alles nur so an mir vorbeiziehen. Kein Muskel machte sich bemerkbar. Nichts beeinträchtigte meinen Lauf. Die Herzfrequenz etablierte sich leicht über 160 bpm und ich zog einfach an. Die Pace 4.55-5.05 fühlte sich unfassbar entspannt und kontrolliert an. Im Hinterkopf schien mir schon die 3:3X:XX greifbar. Ich hatte mir das alles viel schwerer vorgestellt. Das Training ging wohl vollends auf. Nichts konnte mich noch bremsen. Kilometer 20-21 führten mich wieder durch die Zuschauermassen rund um den Rathausplatz. Man lief durch eine unglaubliche Stimmung, die einen zusätzlich beschleunigen ließ. Überall wurde man mit Namen angefeuert. Ich dachte mir noch, die nächste Hälfte wird genauso easy. Das war neben dem Zieleinlauf mit Sicherheit der Höhepunkt des Tages.
Kilometer 22-32: Einfach weiter, immer weiter!
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Meine Verpflegungsstrategie war, dass ich alle 25 Minuten ein Gel nehmen wollte. Dies hielt ich auch eisern ein. Der Magen machte überhaupt keine Probleme. Mein Körper saugte die dringend benötigte Energie gierig auf. Langsam wurden die Verpflegungspunkte immer wichtiger. Zum Glück gab es neben den 11 offiziellen Punkten auch noch 2-3 weitere, die durch Clubs oder andere Organisationen betrieben wurden. Sobald ich dort angelangt war, trank ich einen Becher Wasser und schüttete einen über Kopf und Nacken. Meist gab es auch Iso, was ich dankbar annahm. Die an einigen Stellen angebotene Cola oder die Bananen ließ ich bewusst aus. So gelang es mir trotz der zunehmend steigenden Temperaturen und der Kraft der Sonne in relativ guter Verfassung zu bleiben. Die Herzfrequenz kletterte langsam aber sicher Richtung 170 bpm. Ich hatte immer noch die Sub 3.40 im Blick, langsam wuchsen allerdings auch die Sorgen in mir, ob das Tempo so durchzuhalten ist.
Kilometer 33-39: Der Mann mit dem Hammer
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Und da kam er auf einmal ohne große Vorwarnungen vorbei - der Mann mit dem eisernen Hammer! Allerdings nicht in Form einer fehlenden Ausdauer oder Power. Die Muskeln hielten dieser unfassbaren Belastung langsam immer weniger stand. Die Muskulatur versteifte sich immer weiter und alles unterhalb der Hüfte fühlte sich unglaublich schwer an. Der Kopf wollte weiter, aber die Beine bremsten unerbittlich. Folgerichtig fiel die Rundenpace Richtung 5.40-5.50 ab und das gerade aufgekommene Ziel unter 3.40 lief einem buchstäblich davon. Im Nachhinein glaube ich, dass ich hier wirklich hätte durchbeißen können. Ich war auf jeden Fall nicht vollends am Limit, wollte allerdings auch nicht riskieren, dass ich komplett erschöpft auf einmal stehen bleiben musste. Ich wollte unbedingt durchlaufen und keine Gehpausen einlegen. Kilometer 36 war dann mit 5.48 im Durchschnitt der mit Abstand langsamste. Nach über drei Stunden auf der Strecke, Litern an Flüssigkeit und Gel spielte die Blase einfach nicht mehr mit. Kurz überlegte ich, ob ich nicht einfach laufen lassen soll, um die 30 Sekunden zu sparen. So fertig ist man dann irgendwann nach 35 Kilometern im Kopf. Ich wartete auf einen passenden Baum und nahm mir dann die Zeit. In mir kam dann aber eine Wut über die verlorene Zeit und das enteilte Ziel auf. Ich wollte jetzt nicht auch noch mein A-Ziel die Sub 3.45 verlieren. Außerdem war mir durch die Streckenführung genau bewusst, welche Abschnitte der Strecke härter und leichter waren. In Bonn wird die Halbmarathon-Strecke schlicht zweimal gelaufen. Ich war also an jedem Punkt bereits gewesen. Auf den letzten Kilometern ging die lange Gerade wieder mit leichtem Gefälle Richtung Zentrum und erstmal in der Innenstadt angelangt, würde die großartige Stimmung mich quasi von allein ins Ziel tragen. Also war der Marathon quasi ab Kilometer 39 bereits geschafft. Solche Gedankenspiele stellt man dann an, um den inneren Schweinehund zu bekämpfen und den Arsch nochmal hochzubekommen.
Kilometer 40-42: Whatever it takes!
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Ich holte nochmal alles aus mir heraus und beschleunigte auf den letzten drei Kilometern. Sobald ich die Hauptstraße, die ins Zentrum führt erreicht hatte, ließ ich einfach nur noch laufen, schloß vor Schmerz fast die Augen und trat voll aufs Gaspedal. Die Pace rauschte wieder Richtung 5.00 hoch, auf den letzten 600 Metern packte ich sogar noch die 4.40 aus. Der Zieleinlauf war unglaublich und danach fiel einfach alles von einem ab. Ich hatte mir den Moment noch größer vorgestellt, aber es überwog in dem Moment einfach die Erleichterung, es so gut geschafft zu haben.
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Die Zahlen zeigen mir wieder, dass der Marathon seinen ganz eigenen Gesetzen folgt. Er ist mir keiner Distanz vergleichbar. Wer das noch nicht durchgemacht hat, kann das nur ansatzweise nachvollziehen. Dein Charakter und Durchhaltevermögen werden in jeder Hinsicht getestet. Viel mehr als Halbmarathon kommt es auf die Strategie und ein kluges Vorgehen an. Erfahrung und das auf den eigenen Körper hören ist das A und O. Ohne gewissenhafte Vorbereitung wirst du deine Quittung unerbittlich erhalten. Das Gefühl am Ende ist aber auch so unendlich genial, dass sich die Qualen auf jeden Fall gelohnt haben. Ich bin mir sicher, dass da noch sehr viel Potenzial schlummert. Jetzt gönne ich mir eine kleine Verschnaufpause, bevor ich den Blick auf den Köln Marathon am 6. Oktober richte.