Major Carnage – Berlin Marathon 2025 Race Report
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Am Ende eines Events erhält man als Läufer immer einen Haufen von Statistiken und Zahlen, die schwerlich einen konkreten Eindruck von dem Erlebnis Marathon vermitteln können. Beim Berlin Marathon 2025 geben sie aber ganz gut wieder, was da für ein Gemetzel auf der Strecke vonstatten ging. 7000 Läufer mussten ihren Traum von der Medaille unterwegs aufgeben. Fast kein längerer Streckenabschnitt ab Kilometer 25, wo nicht Leute am Streckenrand lagen und Sanitäter zur Hilfe eilten. Bereits die ganze Woche hinweg hatte ich täglich mehrmals den Wetterbericht gecheckt, der immer wärmere Temperaturen ankündigte. Dass dann am Race-Tag tatsächlich bis zu 27-28 Grad in der Spitze und gleißende Sonne auf mich warten würden, hatte ich selbst in meinen schlimmsten Albträumen nicht erwartet.
Der Weg zur Startlinie
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Ab der Mitte der Woche war die Nervosität schon merklich gestiegen. Die drei Nächte vor dem Marathon waren eher unruhig und kürzer als gewohnt. Die Herzfrequenz war am Freitag und Samstag selbst bei entspannten Aktivitäten oder selbst im Stehen und Sitzen deutlich höher. Vielleicht wollte ich nach den zwei Marathon-DNF in Düsseldorf und im Ötztal dieses Jahr die gute Form endlich auf die Straße bringen, habe mich damit aber eher zusätzlich gestresst. Auch der Samstag in Berlin war schnelle vorbei, da nach der Startnummernabholung noch Essen/Carbolaoding anstand und ich dies vor 18.30 Uhr über die Bühne bringen wollte, um dem Magen genug Zeit zum Verdauen zu geben. Habe mich auf der Messe für eine Portion Nudeln mit Hühnchen und dann später in der City für Tacos entschieden. Nach der ausschweifenden Pasta Party am Freitag hatte ich einfach keine Lust mehr auf Nudeln. Danach ging es zurück in mein Hostel, das eher den Look einer ehemaligen Asylbewerberunterkunft als einer noblen Absteige entsprach. Das Zimmer hatte aber alles, was ich brauche, sodass ich noch einmal etwas Elektrolyte getankt habe und dann auch um 21.30 Uhr die Lichter ausgeknipst habe. Leider verging wieder viel Zeit, bis ich in den Schlaf gefunden habe. Bin dann auch mehrfach aufgewacht und um 5.15 Uhr aufgestanden. Der Bus Richtung Innenstadt fuhr um 7 Uhr, weshalb ich auch die Zeit brauchte, um meine Banane, vier Scheiben Toast mit Marmelade, 500ml Iso und drei Kaffee zu mir zu nehmen. Ging alles perfekt auf und ich musste mich zum Glück nicht hetzen.
Die größte Laufparty alles Zeiten
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Die U-Bahn brachte mich dann gegen halb 8 nach Mitte, wo ich ausstieg und die Prachtstraße Unter den Linden auf das Brandenburger Tor entlanglief. Unzählige andere Läufer füllten die Straßen und versammelten sich zu einem großen Strom Richtung Reichstag. Es war schon ein richtig geiles Gefühl, Teil einer solch großen Sache zu sein mit lauter Leuten, die deine Leidenschaft teilen und auch ihre individuellen Ziele verfolgen. Im Startbereich traf ich mich dann mit einem netten bekannten Gesicht vom Gletscher Marathon, den ich durch
@Höfer kennengelernt hatte. Wir hatten uns beim anschließenden Abendessen ausgetauscht und überrascht festgestellt, dass wir beide Berlin und Valencia dieses Jahr angreifen wollen. Eigentlich hatte er Sub 3 als Ziel, aber einige Probleme in der Vorbereitung zwangen ihn dazu zumindest in Berlin erstmal moderat anzulaufen. Wir quatschten angeregt und liefen uns kurz im kleinen Tiergarten ein, bevor es in den völlig überfüllten Block B ging. Auf dem Weg zum Start sahen wir auch einige Läufer, die sich eiskalt in die Büsche hockten, um schnell das große Geschäft zu verrichten und sich die Schlangen an den Dixies zu ersparen. Sah nicht so aus, als hätten die Papier dabeigehabt. Da der Block bis zum Bersten gefüllt war, mussten wir über die Absperrung klettern und sicherten uns einen guten Platz in der Mitte. Genau vor mir stand eine sehr bekannte Influencerin aus Großbritannien, die auch bei BPN unter Vertrag steht. Sie wollte auf Sub 3 gehen und ist ab Kilometer 25 gnadenlos geplatzt. Ihre Pace ging von 4.13 auf 5.00. Tat mir fast leid, als ich ihr im Zielsprint wieder begegnet bin. Irgendwo um mich herum standen auch Andre Schürrle und Harry Styles. Andre ist einfach ein Selbstdarsteller (auch geplatzt), aber trainiert immerhin fleißig. Harry schon ein krasser Typ, der von Tokio im Frühjahr (3.24) sich in Berlin auf eine Sub 3 (2.59) geschraubt hat. Am gespanntesten war ich auf den Kenianer Sawe. War mir eigentlich klar, dass er richtig einen raushaut. Bin mir auch sicher, er wäre bei normalen Temperaturen Richtung Weltrekord marschiert. Um 9.15 Uhr ging dann der Countdown los und es wirkte fast surreal auf mich, dass ich jetzt in wenigen Sekunden wieder die vollen 42,2 km laufen sollte.
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Kilometer 1-10: Marathon ist ja eigentlich nicht so wild
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Als wir dann zu zweit den ersten Kilometer Richtung Siegessäule im schönsten Sonnenschein gelaufen sind, fühlte es sich einfach nur perfekt an. Klar war es bereits um kurz nach 9 Uhr 22 Grad warm, aber der Ausblick war einmalig und atemberaubend. Kann man niemandem beschreiben das Gefühl mit Abertausenden an der Strecke anzurollen. Hatte mich schon zuvor dazu entschieden mit maximal 4.30 Pace loszulegen und dann nach Gefühl zu gehen. Die Pace fühlte sich auch kontrolliert und gut an. Der Puls ging jedoch bereits recht früh in die 170 bpm Range, was mich kurz besorgte. Ich wusste aber auch genau, dass ich einen Marathon in diesem Bereich 170-175 bpm durchaus laufen kann und beließ es dabei. Mein Kumpel ging die ersten 5 Kilometer mit mir mit, entschied sich dann allerdings etwas zu verlangsamen. Ab da ging es allein durch die Straßen Berlins. Die Stimmung war einmalig und verursachte teilweise Gänsehaut. Gefühlt war die ganze Stadt auf den Beinen. Bei Kilometer 6 kam schon ein Umstand dazu, der mich das ganze Rennen über begleiten sollte. Durch die enorme Wärme hatte ich mir vorgenommen, bei jeder Wasserstation zu halten und mindestens zwei Becher zu trinken und mir zwei in den Nacken und über den Kopf zu kippen. Dadurch kommen die Abweichungen zustande. Aufgrund der riesigen Menge an Läufern musste ich teilweise anstehen oder auf Becher warten. Allein das hat mich mit Sicherheit mehr als fünf Minuten gekostet. Bei der 10 km Marke in 46.00 Minuten lag ich allerdings noch gut auf Kurs.
Kilometer 11-21: Das wird eng
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Auch bis zum Halbmarathon gelang es mir eigentlich den Effort gut zu kontrollieren. Alle 5 Kilometer gab es ein Hydrogel. Insgesamt hatte ich elf Tütchen mit zum Start genommen. Eins gab es 15 Minuten vor dem Rennen und die anderen dann tatsächlich alle auf der Strecke. Hintenraus verkürzte ich die Abstände etwas, da ich alles an Energie brauchte. Die Verpflegungsstrategie ging insgesamt gut auf. Es wurde dann immer wärmer und sonniger, sodass ich teilweise bewusst von der Ideallinie abgewichen bin, nur um auch nur den kleinsten Rest an Schatten mitzunehmen. Jetzt spürte man die 27 Grad langsam und ich wusste instinktiv, dass sich im weiteren Vorgehen entscheidet, wer ab Kilometer 25 durchziehen kann und wer zusammenbricht oder gehen muss. Bei der Halbmarathon Zeit von 1.37.45 war mir schon klar, dass es hier heute im Bestfall um 3.15 gehen wird. Und auch das wurde von Minute zu Minute kritischer. An den Wasserstationen herrschte mittlerweile das pure Chaos. Läufer, die davor stürzen, minutenlang alles an Flüssigkeit über sich kippen, was sie greifen können, wildes Gedränge. An wenigen Stellen gab es Duschen, die kaltes Wasser auf die Straße sprenkelten. Auch hier bildeten sich Schlangen und Läufer standen dort gefühlt eine Ewigkeit, nur um sich etwas herunterzukühlen.
Kilometer 22-29: Das Gemetzel beginnt
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Nach Kilometer 22 war es einfach nur noch ein Überlebenskampf und der Versuch, das zu retten, was noch möglich ist. Die Stimmung war am Streckenrand mega, aber man war in einem endlosen Tunnel aus Wärme und Kraftlosigkeit. Die Beinmuskulatur wurde spürbar fester und träger. Für jeden Meter musste man arbeiten. Jede Wasserstation gab einen kurz anhaltenden Aufwind. Bei Kilometer 24 stand ich mit Sicherheit einfach 20-25 Sekunden vor dem Tisch und kippte das Wasser in mich herein. Im Delirium sogar warmen Tee über mich geschüttet. Meine Schuhe tropften vor Wasser, als sei ich mit ihnen eine Runde im Wannsee schwimmen gewesen. Immer mehr Leute saßen oder lagen am Straßenrand oder fingen plötzlich in der Mitte der Strecke an zu gehen. Ich konnte mir Gehpausen ersparen, verlangsamte aber ungewollt. Das war kein Plan oder Reserven aufsparen, sondern einfach nur fehlende Energie.
Kilometer 30-40: Von Kilometer zu Kilometer
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Fast alle Läufer, deren Splits ich mir danach angesehen habe, hatten ab Kilometer 25 einen massiven Einbruch. Nur die wenigsten sind hier in der Lage gewesen konstante Splits zu laufen. Was den Unterschied am Ende ausgemacht hat, war also nicht, dass man noch zulegen konnte, sondern dass man am wenigsten massiv einbricht. In dieser Phase fühlte ich mich wieder etwas besser und versuchte von Kilometer zu Kilometer wieder Richtung tiefe 4.40 Pace oder sogar mal in die 4.30 vorzustoßen. Mich hat irritiert, dass ich die 3.15 Pacer so nah vor mir sehen konnte. Wobei die beiden wohl auch einfach nur heftig gelitten haben. Als ich gerade wieder in einer Krise war, kam von hinten eine ältere irische Dame in einem Trikot ihres lokalen Running Clubs und rief mir zu: Push harder! Das hat mir einen richtigen Kick gegeben und ich bin wieder härter angelaufen, habe versucht zu mobilisieren, was noch da ist. Bis zum Ziel bin ich ihr immer mal wieder begegnet. Bei Kilometer 36 habe ich dann noch meine völlig durchnässte Startnummer verloren, musste sie aufheben und die letzten Kilometer bis ins Ziel in meiner Hand mitnehmen. Immerhin ist mir das erspart geblieben, ohne offizielle Wertung einzulaufen, weil die Nummer zertrampelt wird.
Kilometer 40-42: One last Push
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Auf den letzten Kilometern sammelten sich die größten Menschenmassen. Überall Zuschauer und Running Crews mit Mottos und lauter Musik, Mexikaner, Amis, Latinos, alles mögliche an großen Gruppen, die steil gingen. Ich litt und rechnete fleißig im Kopf vor mich hin. Als ich das Brandenburger Tor sah, packte ich nochmal das letzte an Tempo aus und flog noch an zig Leuten vorbei. Ich schaute an die Zeittafel im Ziel und die Sekunden tickten unerbittlich herunter. Ich wollte noch die Sub 3.19, aber kam genau auf die Sekunde an. Im Ziel wollte ich erstmal zusammenklappen und einfach nur liegen, ich schaffte es aber bis zu den Medaillen und lehnte mich dann gegen den Zaun. Nur etwas mehr als zwei Minuten später kam mein Kollege und wir tauschten uns erstmal über das Rennen aus und nahmen zwei Erdinger. Die Bestzeit wurde es, aber natürlich meilenweit an den Erwartungen vorbei und der Leistung, die ich in mir habe. Meine Beine sind komplett zerstört. Der Impact auf den Körper war enorm. Ich muss bis Köln in zwei Wochen erstmal sehen, inwiefern ich mich wieder körperlich und mental hinbekomme und entscheide dann, ob ich bereit bin nochmal 100% zu gehen.
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Insgesamt bin ich von ca. 55.000 Läufern auf den Platz 5228 gekommen. In der Grafik kann man gut erkennen, wie viel tausend Plätze ich über die gesamte Strecke gut gemacht habe, obwohl ich auf der zweiten Hälfte um 3.30 Minuten langsamer war. Allein daran kann man ganz gut erkennen, was da auf der Strecke los war.