Currier, B. S., D'Souza, A. C., Singh, M. A. F., Lowisz, C. V., Rawson, E. S., Schoenfeld, B. J., Smith-Ryan, A. E., Steen, J. P., Thomas, G. A., Triplett, N. T., Washington, T. A., Werner, T. J., & Phillips, S. M. (2026). American College of Sports Medicine Position Stand. Resistance Training Prescription for Muscle Function, Hypertrophy, and Physical Performance in Healthy Adults: An Overview of Reviews. Medicine and science in sports and exercise, 58(4), 851–872.
jh - Das neue Positionspapier des American College of Sports Medicine (ACSM) zu Krafttraining von Currier et al. (2026) ist ein Update zu dem letzten Positionspapier von 2009 und verschiebt den Fokus weg von einem engen „optimalen“ Progressionsmodell hin zu einem breiten, individualisierbaren Spektrum wirksamer Krafttrainingsempfehlungen, das stärker evidenzbasiert und alltagsnäher ist als das Statement von 2009.
Im Vergleich zum Positionspapier von 2009 basiert die neue Empfehlung nicht mehr primär auf Einzelstudien und Expertenmeinung, sondern auf einem „Umbrella Review“ von 137 systematischen Reviews mit über 30.000 Teilnehmenden. Viele der damals stark betonten Gestaltungsvariablen (z.B. Periodisierungstyp, exakte Frequenz, Trainings bis zum Muskelversagen) verlieren an Bedeutung, weil sie in der Gesamtschau nur geringe oder inkonsistente Zusatz-Effekte auf Kraft, Hypertrophie und Funktion zeigen. Stattdessen wird klar herausgearbeitet, dass für gesunde Erwachsene fast jede Form progressiven Krafttrainings mit hohem „Effort“ relevante Zugewinne bringt – und dass die Priorität weniger auf komplexen „optimalen“ Protokollen liegen sollte, sondern mehr darauf, dass überhaupt ein Krafttraining durchgeführt wird. Ein gutes Programm richtet sich also nach den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben des Trainierenden und ist so strukturiert, dass es auch langfristig durchgeführt wird.
Zweitens werden „Minimaldosen“ und pragmatische Satz- und Volumenempfehlungen deutlich stärker betont als 2009. Während frühere Empfehlungen unter Umständen höhere Trainingsumfänge vorsahen, die im Alltag für viele kaum umsetzbar sind, zeigt die neue Auswertung, dass bereits 2–3 Sätze pro Übung und ≥2 Einheiten/Woche für relevante Kraftzuwächse ausreichen und dass für Hypertrophie ein Volumen von etwa ≥10 Sätzen pro Muskelgruppe und Woche vorteilhaft ist – mit abnehmendem Zusatznutzen bei höherem Volumen. Training bis zum momentanen Muskelversagen wird nicht mehr als notwendig angesehen. Stattdessen reicht eine hohe Anstrengung mit etwa 2–3 „Repetitions in Reserve“, was insbesondere für ältere und kardial vorbelastete Personen sicherheitsrelevant ist.
--> Brosep liest da wohl mit:
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Drittens relativiert das neue Statement mehrere „Dogmen“ aus der Vorgängerpublikation zur Rolle einzelner Krafttrainings-Variablen. Für Hypertrophie zeigt sich über viele Reviews, dass ein breiter Lastbereich (ca. 30–100 % 1RM) bei hohem Effort zu vergleichbaren Muskelzuwächsen führt, während schwere Lasten (≥80 % 1RM) für Zuwächse der Maximalkraft Vorteile bringen. Die Trainingsfrequenz je Muskel (bei gleichem Wochenvolumen), Periodisierung vs. nicht periodisierte Programme, Training bis zum Muskelversagen, Time under Tension, Satzstrukturen (Cluster, Dropsets etc.), Maschinen vs. Freihanteln oder instabile vs. stabile Unterlagen zeigen keinen konsistenten Zusatznutzen, solange das Gesamtvolumen und die Intensität stimmen. Neu hervorgehoben werden dagegen spezifische Vorteile von Eccentric Overload (z.B. Flywheel) für Hypertrophie, moderaten Lasten (30–70 % 1RM) und „Power RT“/Olympic Lifts für Kraftleistung und funktionelle Tests sowie die Wirksamkeit von Heimtraining und Training mit elastischen Widerstandsbändern für Kraft und Funktion.
Viertens verschiebt sich die Perspektive deutlich in Richtung funktioneller Outcomes und Gesundheitsaspekte. Im Gegensatz zum stärker leistungsfokussierten Positionspapier von 2009 legt das neue Statement großen Wert auf Evidenz zu Gehgeschwindigkeit, Balance, Chair Stand, Timed Up-and-Go, Mehrkomponenten-Tests und Alltagsfunktion bei Erwachsenen aller Altersstufen. Krafttraining – inklusive elastischer Bänder und Heimprogramme – verbessert über verschiedene Studien hinweg Gehgeschwindigkeit, Balance, Chair Stand, Timed Up-and-Go und weitere. Ergänzt wird dies durch eine deutlich umfassendere Darstellung der kardiometabolischen, onkologischen und mentalen Gesundheitsbenefits von Krafttraining, was in dieser Form im 2009er Statement noch nicht abgebildet war.
Schließlich wird Periodisierung neu eingeordnet und die Botschaft für die Praxis vereinfacht. Während 2009 Periodisierung (v.a. linear/undulierend) relativ prominent als Mittel zur Optimierung der Leistungsentwicklung propagiert wurde, zeigt die aktuelle Evidenz, dass periodisierte Programme unter volumenäquivalenten Bedingungen nur geringe oder keine systematischen Vorteile gegenüber einfachen, nicht periodisierten Programmen haben – solange progressive Belastungssteigerung gewährleistet ist. Die Autoren argumentieren deshalb, dass Variation und Periodisierung vor allem Werkzeuge zur Individualisierung, Motivationssteigerung und Ermüdungssteuerung sind, nicht zwingende Voraussetzungen für effektives Training. Für den klinischen und praxisnahen Einsatz bedeutet dies: „Besser ein bisschen Krafttraining als keines“ – mit Fokus auf einfache, an die Person angepasste Programme, die regelmäßig und mit hohem Effort durchgeführt werden, statt komplexen „perfekten“ Periodisierungsplänen.